Hochschulen können Krisen. Sie haben während der Pandemie in kürzester Zeit Lehre digitalisiert, reagieren auf neue Möglichkeiten generativer KI und halten ihre Systeme trotz wachsender Cyberbedrohungen und knapper personeller Ressourcen am Laufen. Genau darin liegt allerdings ein Problem: Wer dauerhaft reagieren muss, dem fehlen Zeit und Ressourcen für die strategische Gestaltung.
Das neue Diskussionspapier von Anja Westermann und Jannica Budde für das Hochschulforum Digitalisierung beschreibt diesen Zustand als „permanente Ad-hoc-Krise“. Die Autorinnen sprechen vom Verlust von „Innovationskapital“ und bringen die Herausforderung mit einem einfachen Bild auf den Punkt: Wer ständig Brände löscht, hat keine Zeit, feuerfeste Häuser zu bauen.
Für das stellt sich daran anschließend eine konkrete Frage: Wie sehen solche feuerfesten Häuser bei der digitalen Infrastruktur von Hochschulen aus?
Vom Reagieren zum Gestalten
Digitale Resilienz meint im HFD-Papier mehr als Krisenfestigkeit oder IT-Sicherheit: Eine digital resiliente Hochschule bleibt auch unter veränderten Bedingungen handlungsfähig, kann sich anpassen und technologische Entwicklungen aktiv mitgestalten. Damit berührt die Debatte unmittelbar die Frage nach digitaler Souveränität.
Handlungsfähigkeit braucht ein Fundament
Moodle, ILIAS, Stud.IP, Opencast, OERSI und weitere offene Systeme tragen längst wesentliche Teile des digitalen Hochschulalltags: Kurse, Videos, Kommunikation, offene Bildungsressourcen und viele weitere Prozesse in Studium und Lehre. Hochschulen sind dabei keine reinen Anwenderinnen – sie entwickeln mit, beauftragen Anpassungen und finanzieren neue Funktionen. An Engagement mangelt es also keineswegs. Die entscheidende Frage ist, wohin es fließt.
Viele Anforderungen werden heute lokal gelöst: Eine Hochschule benötigt eine neue Funktion, eine Schnittstelle oder eine Anpassung und beauftragt die entsprechende Entwicklung. Im Einzelfall ist das sinnvoll. Wenn viele Hochschulen ähnlich vorgehen, entstehen jedoch parallele Entwicklungen und verästelte Software, während Ressourcen für den gemeinsamen Kern fehlen – also für Aufgaben, die alle betreffen: Sicherheit, Barrierefreiheit, Usability, Schnittstellen, Tests, Dokumentation und technische Grundlagen.
Resilienz ohne Kontrolle über die eigene Kerninfrastruktur bleibt deshalb Haltung ohne Fundament. Open Source schafft die Voraussetzung, diese Infrastruktur selbst mitzugestalten. Der offene Quellcode allein reicht allerdings nicht: Wer dauerhaft handlungsfähig bleiben will, muss auch die Pflege und Weiterentwicklung der Systeme dauerhaft organisieren.
Die Leerstelle ist die Kooperation
Interessant ist deshalb eine der Leitfragen des HFD-Papiers: Wo agieren Hochschulen noch als Einzelkämpferinnen und wo könnten sie durch engere Kooperation ihre kollektive Widerstandskraft erhöhen? Das Papier benennt hier zugleich eine Leerstelle – konkrete, praxistaugliche und kollaborative Lösungswege müssten nun entwickelt werden.
Bei digitaler Infrastruktur fangen Hochschulen damit zum Glück nicht bei null an. Das Wissenschaftssystem organisiert schon heute zentrale Aufgaben gemeinsam: Das Deutsche Forschungsnetz stellt hochschulübergreifende Dienste bereit, eduroam wird in Zusammenarbeit zwischen dem DFN-Verein und den Rechenzentren der angeschlossenen Einrichtungen betrieben, und Bibliotheksverbünde zeigen seit Jahrzehnten, dass Hochschulen gemeinsame Infrastruktur, Standards und Dienstleistungen institutionell organisieren können. Der Grundgedanke dahinter: Nicht jede Hochschule muss dieselbe Herausforderung allein lösen. Warum sollte dieses Prinzip nicht stärker auch für die Software gelten, auf der Studium und Lehre täglich beruhen?
Kernentwicklung als Gemeinschaftsaufgabe
Hier setzt das Open Source Development Network (OSDN) an. Im OSDN bündeln niedersächsische Hochschulen Anforderungen, Expertise und Ressourcen für die Weiterentwicklung zentraler Open-Source-Systeme. Nutzende, Betreibende und Entwickelnde bringen ihre Perspektiven zusammen; Anforderungen werden hochschulübergreifend erhoben, priorisiert und mit den jeweiligen Communities abgestimmt.
Im Mittelpunkt steht der gemeinsame Kern: Technische Grundlagen ebenso wie Cybersecurity, Barrierefreiheit, Benutzer*innenfreundlichkeit und Schnittstellen. Entwicklungen sollen dort ankommen, wo möglichst viele Hochschulen von ihnen profitieren.
Kooperative Kernentwicklung ist damit mehr als eine Effizienzmaßnahme, sie schafft gemeinsame Handlungsfähigkeit: Wenn eine Sicherheitslücke geschlossen werden muss, neue rechtliche Anforderungen entstehen oder eine KI-Anwendung angebunden werden soll, lassen sich Ressourcen und Expertise bündeln und die zugrunde liegenden Systeme gemeinsam weiterentwickeln – ohne dass viele Hochschulen parallel nach Lösungen suchen. Das ist ein möglicher Teil des „feuerfesten Hausbaus“, den das HFD-Papier einfordert: Strukturen, mit denen Hochschulen der nächsten Veränderung nicht wieder einzeln und ad hoc begegnen müssen.
Dauerhafte Handlungsfähigkeit braucht dauerhafte Strukturen
Damit stellt sich allerdings dieselbe Frage wie bei anderen Infrastrukturen: Wer übernimmt dauerhaft Verantwortung? Open-Source-Software ist keine einmalige Anschaffung; Sicherheit, Wartung, Weiterentwicklung und Qualitätssicherung enden nicht mit einem Projekt. Für das OSDN ist die Projektförderung deshalb ein Ausgangspunkt. In der aktuellen Projektphase werden gemeinsame Entwicklungsstrukturen erprobt, parallel arbeitet das OSDN daran, wie diese Aufgaben nach Projektende verlässlich organisiert und finanziert werden können. Denn eine digitale Infrastruktur, deren Weiterentwicklung dauerhaft von befristeten Projekten und kurzfristig verfügbaren Mitteln abhängt, kann kaum resilient genannt werden.
Digitale Souveränität und digitale Resilienz treffen sich deshalb auch in einer sehr praktischen Frage: Welche Strukturen schaffen Hochschulen heute, damit sie morgen noch selbstbestimmt handeln können?
Die Datenbasis entsteht, die Debatte läuft
Eine einzelne, für alle passende Antwort darauf wird es kaum geben. Die laufende Studie „Digitale Unabhängigkeit und Resilienz von Hochschulen in Studium und Lehre“ der Gesellschaft für Informatik untersucht derzeit empirisch, welche Software Hochschulen einsetzen, welche Kosten und Abhängigkeiten damit verbunden sind und unter welchen Bedingungen Hochschulen ihre digitale Infrastruktur stärker selbst mitgestalten können. Das OSDN erprobt parallel einen konkreten Ansatz für die kooperative Weiterentwicklung offener Lehr- und Lerninfrastrukturen. Und das HFD fordert ausdrücklich dazu auf, die offenen Fragen nach kollaborativen Lösungen weiterzudenken. Diese Perspektiven müssen nun zusammenkommen: Hochschulen und Länder, Nutzende und Betreibende, Open-Source-Communities und Dienstleistungsunternehmen.
Ein Arbeitsraum für diese Fragen
Dafür braucht es Orte, an denen aus der Debatte über digitale Souveränität und Resilienz konkrete Arbeit an Lösungen wird. Vom 3. bis 5. März 2027 findet deshalb in Hannover die Open Source Multitudes statt. Dort wollen wir gemeinsam diskutieren, wie offene Lehr- und Lerninfrastrukturen dauerhaft entwickelt, finanziert und verantwortet werden können: Wie kann hochschulübergreifende Kernentwicklung funktionieren, welche Governance braucht gemeinsame Infrastruktur – und wie teilen sich Hochschulen, Länder, Communities und Dienstleistungsunternehmen die Verantwortung?
Der ist geöffnet. Neben fertigen Lösungen sind ausdrücklich auch Erfahrungen, laufende Prozesse, offene Fragen und konkrete Herausforderungen willkommen. Die Leerstelle, die das HFD-Papier beschreibt, lässt sich nur gemeinsam füllen.
Über die Open Source Multitudes
Open Source Multitudes ist die Konferenz des . Im OSDN entwickeln Hochschulen kooperativ zukunftsfähige Lehr- und Lerninfrastrukturen. Das OSDN ist Teil des Projektes Digitale Lehre Hub Niedersachsen (DLHN) der Hochschule.digital Niedersachsen (HdN).
Beitragsbild von Miriam Pereira via Unsplash

