Die kurze Antwort: Sie müssen die Open-Source-Software, die Studium und Lehre längst trägt, als gemeinsame kritische Infrastruktur behandeln.
Die Frage ist nicht, ob Hochschulen Open Source nutzen
Hochschulen nutzen Open-Source-Software seit vielen Jahren. Lernmanagementsysteme, Videoinfrastrukturen, Systeme für offene Bildungsressourcen und weitere Anwendungen strukturieren den Alltag von Studierenden, Lehrenden und Verwaltung. Sie ermöglichen Kurse, Materialien, Kommunikation, Videos und zunehmend datenbasierte Prozesse in Studium und Lehre.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Hochschulen Open Source nutzen sollten. Sie tun es längst.
Sie sind dabei auch keine reinen Anwender. Hochschulen entwickeln mit, beauftragen Anpassungen und finanzieren Funktionen. Das eigentliche Problem liegt nicht im fehlenden Engagement, sondern darin, wohin es fließt: überwiegend in lokale Anpassungen und einzelne Features, seltener in die Basispflege und den gemeinsamen Kern, von dem alle abhängen. Hochschulen investieren also bereits in ihre Software, nur an der strategisch falschen Stelle.
Die entscheidende Frage lautet damit: Sind Hochschulen bereit, diese Software dauerhaft zu pflegen, gemeinsam zu finanzieren und am Kern weiterzuentwickeln?
Kritische Infrastruktur ohne kritische Infrastrukturpolitik
Cornelis Kater, Leiter des E-Learning Service der Leibniz Universität Hannover, brachte die Grundspannung auf den Punkt: Hochschulen tragen Open-Source-Systeme seit rund 25 Jahren mit, aber oft nicht in Strukturen, die ihrer Bedeutung entsprechen.
Viele Systeme funktionieren, weil Menschen über lange Zeit Verantwortung übernommen haben, in Hochschulen, Communities, Dienstleistungsunternehmen und Projekten. Häufig geschieht das mit hoher fachlicher Motivation, aber nicht immer mit verlässlicher Finanzierung, klarer Governance oder dauerhafter institutioneller Absicherung.
Bei Gebäuden, Laboren oder Forschungsinfrastrukturen ist selbstverständlich, dass derjenige, der sie braucht, sie auch bauen, betreiben und erneuern muss. Bei Software, die ebenso zentral für Studium und Lehre ist, wird diese Logik noch zu selten konsequent angewendet. Digitale Infrastruktur ist keine einmalige Anschaffung; sie ist eine Daueraufgabe.
Open Source ist nicht pflegefrei
Ein Missverständnis zieht sich durch viele Debatten: Open Source wird mit „kostenlos“ verwechselt. Tatsächlich entfallen klassische Lizenzgebühren, aber nicht der Aufwand.
Sicherheit, Barrierefreiheit und Schnittstellen müssen laufend gepflegt werden, und neue Anforderungen durch KI, Datenschutz oder veränderte Prüfungs- und Lehrszenarien müssen ihren Weg in die Systeme finden. Dokumentation, Tests, Wartung und technische Grundlagenarbeit erledigen sich nicht von selbst.
Wenn Hochschulen Open-Source-Software nutzen, ohne gemeinsam in den Kern dieser Software zu investieren, leben sie von der Substanz der Systeme und ihrer Entwickelnden. Das funktioniert eine Zeit lang, ist aber kein tragfähiges Modell für digitale Selbstbestimmung.
Vom Klingelbeutel zur planbaren Struktur
In der Diskussion wurde das bisherige Finanzierungsmodell an vielen Stellen als „Klingelbeutelmodell“ beschrieben. Es gibt einen Bedarf, etwa bei Barrierefreiheit, Sicherheit oder bei der Einbindung neuer Funktionen, und im nächsten Schritt werden Netzwerke von Hochschulen gefragt, wer Geld, Arbeitszeit oder Entwicklungskapazität beitragen kann.
Dieses Modell hat viel ermöglicht. Es ist aber langsam, unsicher und schlecht planbar. Für kritische digitale Infrastruktur reicht es nicht aus.
Hier setzt das OSDN an. Das Open Source Development Network stellt als Projekt der Hochschule.digital Niedersachsen Entwicklungsmittel bereit, um zentrale Open-Source-Systeme für Studium und Lehre strukturiert weiterzuentwickeln. Es finanziert nicht die lokale Anpassung an einzelnen Standorten, sondern die Arbeit am gemeinsamen Kern: Basispflege, technische Grundlagen, Barrierefreiheit, Sicherheit und Koordination entlang der Produkt-Roadmaps. Damit verschiebt es genau jene Investition, die bislang an der falschen Stelle ansetzt.
Der zugrunde liegende Gedanke ist einfach. Viele Hochschulen nutzen dieselben Systeme, also sollten sie auch gemeinsam in deren Zukunft investieren.
Souveränität heißt Gestaltungsfähigkeit
Digitale Souveränität bedeutet nicht, dass Hochschulen alles selbst entwickeln oder jede Einrichtung eigene Software bauen müsste. Sie bedeutet Gestaltungsfähigkeit.
Hochschulen müssen nachvollziehen können, wie zentrale Systeme funktionieren, und Einfluss auf Weiterentwicklung und Prioritäten nehmen können. Ebenso müssen sie die Kontrolle über Daten, Schnittstellen und Nutzungsszenarien behalten und Software an wissenschaftliche, didaktische und rechtliche Anforderungen anpassen können.
Proprietäre Systeme können kurzfristig bequem erscheinen. Sie bringen aber neue Abhängigkeiten mit sich: Lizenzkosten, begrenzte Anpassbarkeit, vorgegebene Funktionsräume und weniger Kontrolle über Daten und Schnittstellen. Wer digitale Lehre selbstbestimmt gestalten will, muss auch die Infrastruktur gestalten können, auf der sie stattfindet.
Beschaffung ist mehr als Einkauf
Jeanette Hofmann lenkte den Blick auf einen oft unterschätzten Hebel: die öffentliche Beschaffung.
Hochschulen und öffentliche Einrichtungen geben erhebliche Mittel für Software aus. Häufig fehlt aber der Überblick darüber, wer welche Systeme betreibt, welche Verträge bestehen, welche Kosten entstehen und wo sich Bedarfe bündeln ließen.
Beschaffung ist nicht nur Verwaltung, sondern gestaltet Märkte. Sie entscheidet mit darüber, welche Anbieter wachsen, welche Standards entstehen und welche Alternativen tragfähig bleiben. Wenn Hochschulen ihre Nachfrage bündeln, können sie gemeinsam in souveräne digitale Infrastrukturen investieren. Tun sie das nicht, kaufen sie einzeln ein und verlieren langfristig Gestaltungsmacht, auch gegenüber dem Auftrag, Freiheit in Forschung und Lehre zu gewährleisten.
Das föderale Problem: Alle profitieren, aber wer zahlt?
Open Source hat eine besondere Stärke: Verbesserungen können allen zugutekommen. Wenn ein Land, ein Hochschulverbund oder eine Community in den Kern eines Systems investiert, profitieren potenziell auch andere.
Das ist sinnvoll, erzeugt aber ein Finanzierungsproblem. Wenn nur einzelne Hochschulen oder Länder investieren, während viele andere die Ergebnisse nutzen, entsteht ein Trittbrettfahrerproblem. Genau deshalb braucht es gemeinsame Strukturen, in denen Beiträge, Nutzen und Verantwortlichkeiten transparent geregelt werden.
Die Diskussion machte deutlich, dass länderübergreifende Kooperation nicht grundsätzlich unmöglich ist. Kooperationsverträge, gemeinsame Beschaffungsstrukturen und Verbundmodelle sind rechtlich denkbar und teilweise bereits praktisch erprobt. Die größere Hürde liegt im politischen Gestaltungswillen, in der Koordination und in der Frage, wo eine dauerhafte Struktur institutionell verankert werden kann.
Projektförderung reicht nicht
Arno Wilhelm-Weidner machte aus Perspektive eines Projektträgers deutlich, dass Open Source politisch sichtbarer geworden ist und auch in Förderanträgen häufiger aufgegriffen wird. Das allein reicht aber nicht.
Zu oft beginnen Projekte neu, statt bestehende Lösungen weiterzuentwickeln. Open Source wird dann als Veröffentlichung verstanden und nicht als langfristige Verantwortung, und auf die Frage, was nach Projektende passiert, fehlt häufig eine Antwort.
Förderung sollte deshalb stärker danach fragen, welche vorhandenen Lösungen aufgegriffen werden, wie Ergebnisse anschlussfähig bleiben, wer nach Projektende weiterarbeiten kann und wie Entwicklungen in bestehende Communities und Produktkerne zurückfließen. Open Source ist nicht erledigt, wenn Code veröffentlicht wurde. Entscheidend ist, ob daraus gepflegte und weiterentwickelte Infrastruktur wird.
Die Datenbasis entsteht
Lukas Kick stellte die laufende Forschungsstudie der Gesellschaft für Informatik zur digitalen Unabhängigkeit und Resilienz von Hochschulen vor, finanziert vom BMFTR. Sie untersucht, welche Software Hochschulen nutzen, welche Probleme bestehen, welche Beschaffungskriterien relevant sind und wo Austauschbedarf besteht. Die Studie verbindet eine Umfrage mit qualitativen Interviews. Zum Zeitpunkt der Session war der qualitative Teil gerade gestartet.
Sie soll ein bislang oft diffuses Problembewusstsein empirisch greifbarer machen. Das ist wichtig, weil strategische Entscheidungen eine Datengrundlage brauchen. Wer nicht weiß, welche Systeme genutzt werden, welche Abhängigkeiten bestehen und wo gemeinsame Bedarfe liegen, kann keine tragfähige Infrastrukturpolitik entwickeln.
Was jetzt zu tun ist
Die Diskussion zeigte mehrere Handlungsrichtungen. Zunächst müssen Hochschulen den Wert ihrer bestehenden Open-Source-Infrastruktur besser erkennen, denn auch ohne klassische Lizenzgebühr ist dieser Wert nicht null. Darauf aufbauend braucht es dauerhafte Finanzierungsmodelle für Basispflege, Sicherheit, Barrierefreiheit und Weiterentwicklung, etwa einen gemeinsamen Beitrag der nutzenden Hochschulen, orientiert an der Zahl der Studierenden.
Ebenso wichtig ist Governance. Es muss geklärt sein, wer über Prioritäten entscheidet, wer Bedarfe sammelt und wie Hochschulen, Länder, Dienstleistungsunternehmen und Communities eingebunden werden. Hinzu kommen zwei Hebel, die in der Diskussion deutlich wurden: Die öffentliche Beschaffung sollte strategischer genutzt werden, damit Hochschulen ihre Nachfrage bündeln können, und die Projektförderung sollte konsequenter auf Wiederverwendung und Verstetigung ausgerichtet werden.
Weitermachen, aber verbindlich
Die offene Frage ist nicht, ob Open-Source-Software in Hochschulen wichtig ist. Sie lautet, ob Hochschulen, Länder und weitere Akteure daraus die passenden Konsequenzen ziehen. Digitale Selbstbestimmung entsteht nicht durch Bekenntnisse, sondern durch Strukturen: durch verlässliche Finanzierung und durch eine Governance, die Bedarfe bündelt und Verantwortung klärt.
Anknüpfungspunkte gibt es bereits. Die GI-Studie schafft die empirische Grundlage, und das OSDN erprobt in Niedersachsen ein konkretes Finanzierungs- und Entwicklungsmodell. Was bislang fehlt, ist ein Ort, an dem die beteiligten Akteure aus Hochschulen, Ländern, Communities und Dienstleistungsunternehmen die offenen Fragen gemeinsam bearbeiten: Wie sieht ein tragfähiges Finanzierungsmodell aus, wer übernimmt Governance, und wie lässt sich Verstetigung organisieren?
Genau dafür richtet das OSDN vom 3. bis 5. März 2027 in Hannover die Konferenz Open Source Multitudes aus. Sie bringt die Communities der zentralen Open-Source-Systeme zusammen und macht ihre Vielfalt sichtbar; zugleich schafft sie den Rahmen, in dem aus einzelnen Initiativen verbindliche Strukturen werden können.
Die Diskussion endete mit dem Wunsch, bestehende Initiativen nicht nur weiterzureichen, sondern die richtigen Akteure zusammenzubringen. Die Open Source Multitudes ist der Ort dafür. Die Einladung gilt allen, die an Finanzierung, Governance und Verstetigung mitarbeiten wollen: Hochschulen, Ländern, Communities und Dienstleistungsunternehmen. Wer die digitale Lehrinfrastruktur gemeinsam tragen will, ist in Hannover willkommen.
Das Beitragsbild „A knot“ von jgbarah steht unter der Lizenz CC BY-SA 2.0.

